Rütli-Schule

Rütlistr. 45
12045 Berlin (Neukölln)
Tel.: 030-60034760
Realschule
Öffentliche Schule
Schüler: ca. 190

Schülerbewertungen

Qualität der Lehrer
3,9
Schulgebäude
4,1
technische Ausstattung
4,1
Stimmung unter Mitschülern
4,3
Fächer/AG-Angebot
4,1
Schulleitung
4,0
Sportmöglichkeiten
4,2
Unterrichtsausfälle
4,5
Essensmöglichkeiten
4,4
Mitbestimmungsmöglichkeiten
4,3

Bewerten »Elternbewertungen

Individuelle Förderung
5,0
Gebäude/Ausstattung
Lehrkräfte
3,0
Schulleitung
3,0
Unterrichtsbegleitende Aktivitäten
4,0
Die Eltern-Noten basieren auf Wertungen von 4 Personen.
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Ist die Rütli noch zu retten?
von Sindrom81 (Schüler), 05. Nov 17:08
Die Neuköllner Hauptschule erwarb sich den Ruf einer »Terrorschule«. Andere Berliner Schulen haben die Gewalt besiegt – mit Patenschaften, Vertrauensschülern und Gelübden

An einem dieser seltsamen Tage vor der Berliner »Terrorschule«, an denen Dutzende Kameraleute und Fotografen hinter arabischen und türkischen Halbwüchsigen herhetzen und manche Reporter 120 Euro für gestellte Gangster-Gesten zahlen, an diesem Tag tritt ein schmaler, älterer Herr aus dem Schultor. Er wirft seinen kleinen Rucksack über die Schulter und geht langsam an dem eisernen Schulzaun entlang. Niemand filmt ihn, niemand befragt ihn, niemand beachtet ihn. Dabei ist er in diesem Moment vielleicht die interessanteste Figur rund um die Rütli-Schule.
Fotografen belagern die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln
Foto: Christian Schroth

Fotografen belagern die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln

Der Mann heißt Siegfried Arnz. Er ist 55 Jahre alt und seit einem Jahr in der Berliner Senatsverwaltung zuständig für die Hauptschulen. Ein Mann der Bürokratie also, obwohl er nicht so aussieht mit seinen Lachfalten um die Augen, dem silbernen Ring im Ohr und dem ulkigen Seidenschlips, auf dem drei Bergsteiger eine blaue Felszinne erklimmen.

Vor allem aber ist er der Mann, der zu wissen glaubt, wie man aus einem Ort für Gescheiterte und Übriggebliebene wieder eine Schule machen kann. Wie ein paar hundert Schläger und Geschlagene wieder zu dem werden können, was sie eigentlich sein sollten: 14-, 15-, 16-jährige Jungen und Mädchen, die etwas lernen wollen. Und wie einige Dutzend verzweifelte Männer und Frauen wieder zu Lehrern werden können, die Lust darauf haben, ihren Schülern etwas beizubringen.

Er hat ja selbst erlebt, dass es geht. Arnz war zehn Jahre lang Rektor einer Hauptschule, die heute als Vorbild für ganz Berlin gilt. Am Ende war er einer der bekanntesten Schulleiter der Stadt.

Dieser Mann also lässt die Presseleute und die jungen Araber in ihren Bomberjacken und die jungen Türkinnen mit ihren Kopftüchern hinter sich. Er steigt in seinen ungewaschenen weißen VW-Bus mit dem Campingdach und fährt in sein Büro. Seine Sekretärin reicht ihm die Kopien von 68 Zeitungsartikeln über die Rütli-Schule: »Berlins schlimmste Schule«, die »Terrorschule«, die »Chaos-Schule«. Siegfried Arnz wirft nur einen Blick darauf. »Später«, sagt er.

Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und fängt an, von seinen Ideen zu erzählen. Als Erstes sagt er, dass sich viele Berliner Hauptschulen am Rande des Kollapses bewegten. Notgedrungen. »Sie werden ja nur noch von zehn Prozent eines Jahrgangs besucht.« Und es sind nicht irgendwelche zehn Prozent, sondern die, die am gewalttätigsten, am verschlossensten oder einfach nur am dümmsten sind. Deren Eltern am meisten trinken, am längsten arbeitslos sind, am wenigsten Deutsch sprechen. Die übrigen 90 Prozent gehen auf Gymnasien, Realschulen oder Gesamtschulen.

Trotzdem, sagt Arnz, auch unter diesen »oft brutalen Bedingungen« sei es möglich, an Hauptschulen für ein positives Klima zu sorgen. Es komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es sind schöne Wörter, die Siegfried Arnz benutzt. Sie hören sich zunächst recht naiv an angesichts der hässlichen Realität an der Rütli-Schule und rundherum, im Berliner Stadtteil Neukölln.

Es ist die erste große Pause, als ein Türke aus der Neunten den Schülersprecher Joan einen Hurensohn nennt. Es ist Montag, der 13. März, ein kalter Wintertag, und Joan sieht dem Türken in die Augen. Packt ihn am Arm. Sagt: »Was soll das, Alter, was hast du gegen meine Mutter?« Dann spürt er von hinten einen Tritt. Taumelt, verliert das Gleichgewicht. Joan, den sie sonst den Paten nennen, landet im Dreck. Er sieht nach oben, und die anderen sehen auf ihn herab.

Joan ist Araber, Libanese, ein kantiger, 17jähriger Kerl mit kahl rasiertem Schädel über den Ohren. Vorigen Sommer kam er auf die Rütli-Schule, auf der Realschule war er zweimal durchgefallen. Joan ging zum Unterricht und machte hin und wieder Hausaufgaben. Er ließ sich zum Schülersprecher wählen, er wollte der Chef sein in der Schule. Aber jetzt liegt er am Boden.

Am nächsten Morgen lauert er dem Türken auf dem Schulweg auf. Joan trägt eine schwarze Hose und seine schwarze Lederjacke, als er in der Weserstraße auf den Türken eindrischt. Er schlägt ihn in den Bauch und ins Gesicht, er tritt ihn um und auf ihn ein und lässt erst von ihm ab, als ein Passant dazwischengeht. Joan tut, was er tun muss, um seine Ehre wiederherzustellen, und während der andere ins Krankenhaus gefahren wird, kommt er gerade rechtzeitig zum Unterricht. Die Schulleiterin ruft seine Eltern an. Nach der Pause wird der Pate von seiner Mutter abgeholt.

Patrick, der in seine Klasse ging, sagt, Joan sei leicht erregbar. Safak sagt, Joan habe ihn beschützt, wenn Ältere ihm auf dem Bolzplatz seinen Ball wegnehmen wollten. Ahmad sagt, er sei ein Vorbild gewesen. Alle hätten Joan respektiert. Osman sagt, weil Joan alle respektiert habe.

Drei Wochen sind vergangen, seit Joan von der Rütli-Schule flog. Er schläft nun häufig bis Mittag, dann geht er raus, ins Internet-Café oder zum Reuterplatz, wo immer irgendwer ist, mit dem er Fußball spielen oder rumhängen kann. Manchmal ziehen sie dann weiter durch den Kiez, vorbei an den arabischen Cafés, den Spielhallen, den Wettbüros und Call-Shops, die wie die einzige Verbindung zur Außenwelt erscheinen, und manchmal landen sie in der Manege, einem Jugendclub gegenüber der Rütli-Schule, dem einzigen im Kiez.

Da sitzt er nun und sagt, dass er sich langweile. Nicht wisse, wohin mit sich und seiner Energie. Die Mutter, sagt er, weine viel, der Vater habe ein ernstes Wort mit ihm gesprochen – der Vater, der früher als Kaufhausdetektiv durch die Regalreihen bei Woolworth schlich. Heute sitzt er tagelang zu Hause. Es braucht ihn niemand mehr.

Niemand braucht sie noch, die Väter und Onkel und großen Brüder, jedenfalls kein deutscher Arbeitgeber. Die Männer bleiben zu Hause. Oder sie gehen ins Café. Anstelle ihrer alten Rolle füllen sie nun Fußball-Wettscheine aus. Setzen auf Fenerbahçe oder Galatasaray.

Unter den 18000 Menschen im Neuköllner Reuterkiez ist jeder Dritte ohne Schulabschluss, jeder Dritte ohne Arbeit. Die Kriminalitätsrate liegt 40 Prozent höher als im restlichen Berlin. Jeder Zweite hat das, was Sozialarbeiter einen Migrationshintergrund nennen. Zuerst kamen die türkischen Gastarbeiter, die später ihre Familien nachholten, dann kamen die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Palästina und dem Libanon, dann die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es kamen Polen, es kamen Russen, es kamen Asiaten.

Vielen war es lange Zeit verboten, eine Arbeit aufzunehmen, viele waren hier jahrelang bloß geduldet, und weil sie damit rechneten, bald wieder weg zu sein, blieb ihnen die neue Heimat fremd, die deutsche Sprache, die Kultur. Hier zu leben hieß, sich durchzuschlagen, halblegal, illegal, mit Schwarzarbeit oder mit Drogenhandel. Man war Bürger auf Abruf. Die Kinder wurden in eine Zwischenwelt geboren – eine Welt, die nicht mehr die der Eltern ist und noch nicht ihre eigene. Sie sind eine Generation der Heimatlosen.

Joan sagt, er würde gerne eine Ausbildung beginnen, am liebsten als Erzieher in einem Kindergarten. Aber er muss grinsen, als er das sagt. Er hat keinen Schulabschluss. Und welcher Kindergarten würde ihn nehmen, ihn, den Paten, den Schläger?

Seit drei Jahren ist die Rütlistraße eine Jugendstraße. Kein Auto fährt hier durch. Neben der Schule stehen eine Turnhalle, zwei Kitas und einige Gewerbehöfe und an der Ecke, vor der Schranke, zwei riesige, grüne Frösche aus Pappmaché und Polyester. »Ochsenfrösche«, sagt der Sozialarbeiter Wolfgang Janzer, der den Jugendclub Manege leitet. In seiner Werkstatt haben sie die Skulpturen geformt. Ochsenfrösche, weil Ochsenfrösche aggressiv sind. Weil sie alles platt machen.

Es ist Samstag, und Janzer, ein Mann in den Fünfzigern mit langen grauen Haaren und langem grauen Bart, sitzt in seinem Büro und liest die Zeitungen dieser Tage. Gegen vier am Nachmittag kommen die ersten Kinder und üben Flickflacks auf den Weichbodenmatten im großen Raum. Janzer nimmt die Zeitungen, legt sie auf einen Tisch, um den sich ein paar Jugendliche versammelt haben, die meisten sind Rütli-Schüler.

Janzer greift zur Berliner BZ und sagt: »Faiz, lies mal vor« – den Artikel, der mit Hass-Randale an schlimmster Berliner Schule überschrieben ist. Faiz, der in die zehnte Klasse geht, sagt:

»Ich kann nicht lesen.«

»Musstest du nie lesen in der Schule?«

»Nie! Ich hab dem Lehrer immer gesagt: Keine Lust, lies selbst. Aber ich kann schon lesen, in meinem Kopf.«

Schließlich beginnt Faiz doch zu lesen, laut und stockend, Wort für Wort. Er fährt mit dem Finger über die Zeilen, liest einen Satz, dann den nächsten, es ist eine Qual, dann sagt er: »Osman, hier, jetzt du, du kannst doch lesen wie ein Student.«

Osman, der Tischler lernt und fürchtet, abgeschoben zu werden, liest flüssig. Es heißt in dem Artikel, die Schule sei außer Kontrolle, die Gewalt eskaliere, Schüler würfen Pflastersteine. Ahmad, der gern als Flugzeuggerätetechniker zur Bundeswehr ginge, fällt ihm ins Wort: »Wie sollen wir eine Stelle kriegen, wenn sie so viel Scheiße schreiben?«

Faiz, der noch um seinem Abschluss kämpft, sagt: »Wenn sie so was schreiben, dann brauchen wir gar keinen Abschluss mehr.«

»Wer nicht daran glaubt«, sagt Joan, »irgendwann mal zu den Gewinnern zu zählen, geht nur noch in die Schule, weil er da seine Freunde trifft.«

Der einzige Deutsche in Joans alter Klasse ist Patrick. Er ist auch der Einzige, der schon eine Stelle hat, aber davon hat er in der Schule keinem erzählt. Im Sommer wird er eine Lehre als Gas-Wasser-Installateur beginnen. Bei der Firma, die gleich um die Ecke in der Weserstraße sitzt, hatte er vergangenes Jahr ein Praktikum gemacht.

Es ist halb neun am Morgen. Die erste Stunde ist ausgefallen, Patrick macht sich auf den Weg in die Schule. Er packt seinen Rucksack, zieht die Tür hinter sich zu, unten am Kiosk kauft er sich für zwanzig Cent eine Zigarette. Patrick redet nicht viel. Er hat einen Bürstenhaarschnitt und einen blassen Teint, und wenn er geht, dann wirkt das etwas schlaksig. Aber Patrick geht inzwischen aufrecht, immerhin. Früher war das anders, da war er stets bereit, sich wegzuducken. Da war der Weg zur Schule ein endloser Parcours, und die Klassenkameraden waren die Hindernisse.

Als er in der siebten Klasse neu in die Schule kam, sagt er, da war es fast nicht auszuhalten. Sie warfen seine Hefte und sein Federmäppchen aus dem Fenster und lachten, wenn er auf dem Boden kroch, um Lineal, Zirkel und die Stifte wieder einzusammeln. Sie stellten ihn beim Fußball ins Tor; wenn er einen Ball durchließ, bekam er Schläge. Und wenn er weinte, lachten sie. Patrick wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte.

Als er die Sache beim Praktikum seinem Chef erzählte, sagte der, Patrick müsse sich wehren.

Vor einem Jahr fing er an, Boxen zu lernen. Manchmal fährt er viermal in der Woche zum Training raus nach Alt-Mariendorf. Patrick sagt, er sei dadurch viel kräftiger geworden, schneller, selbstbewusster. Wenn ihm heute in der Schule einer komisch kommt, dann pöbelt er zurück. Meist lassen ihn die anderen jetzt in Ruhe. Patrick sagt, sie respektieren ihn.

Als er in die Rütli-Straße einbiegt, steht ein Dutzend Kamerateams vor dem Gebäude. Patrick schlendert lässig in die Schule.

Es dauert eine Weile, bis sie ans Telefon geht. Sie klingt müde. Sie spricht sehr langsam. Sie sagt, sie habe sich bisher der Presse gegenüber nicht geäußert, und so solle es auch beiben. Aber dann fängt Petra Eggebrecht doch an zu erzählen. Sie ist die Frau, die den Brief geschrieben hat.

Es begann damit, dass die Rektorin nach den letzten Sommerferien nicht an die Rütli-Schule zurückkam. Sie war krank und blieb es, einen Stellvertreter gab es nicht, seit zehn Jahren hatte sich niemand für die Stelle beworben. Die Neuköllner Schulaufsichtsbehörde ernannte dann Petra Eggebrecht zur kommissarischen Schulleiterin. »Ich wollte das gar nicht machen, niemand wollte es machen, aber ich war eben die Dienstälteste.« Seit 1970 ist sie hier. Die Rütli-Schule war ihr erster Arbeitsplatz nach dem Studium. Vermutlich wird sie ihr letzter sein vor dem Ruhestand.

Petra Eggebrecht trug jetzt also die Verantwortung für die Schule. Und sie sah, dass die Kollegen am Ende waren, erschöpft, abgekämpft, frustriert. Viele stehen wie sie kurz vor der Pensionierung. Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren. Nach den Unterrichtsstunden, die längst nicht mehr aus Unterricht bestanden, sondern nur noch aus Geschrei, aus Kampf, saßen sie im Lehrerzimmer und stierten vor sich hin. Manche weinten. Manche sagten immer wieder: »Ich kann nicht mehr.«

Mitte Februar hat Petra Eggebrecht dann beschlossen, »dass wir Hilfe brauchen«. Sie hat sich an ihren Küchentisch gesetzt und diesen Brief an die Schulaufsicht geschrieben. Die Sekretärin hat ihn abgetippt und jedem Lehrer ins Fach gelegt. Alle haben zugestimmt. Manche Formulierung hat Eggebrecht auf Wunsch des Kollegiums noch verschärft. Statt »Gegenstände fliegen durch die Luft« schrieb sie: »Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte.«

Vier Wochen später gelangte der Brief an die Öffentlichkeit, und auf einmal waren die Zeitungen und Fernsehsendungen voll mit Berichten von der Rütli-Schule. Ob sie nicht manche Beiträge etwas übertrieben gefunden habe? Petra Eggebrecht denkt einen Moment nach.

Dann sagt sie: »Nein. Eigentlich fast keine.«

An der Tafel klebt Butter. Von Butterbroten. Erst aufgeklappt, dann auf der Tafel verschmiert. An der Decke hängen Watteklumpen. Von Tampons. Erst mit Spucke aufgeweicht und dann an die Decke geschleudert. Auf den Stühlen sitzen junge Männer und Frauen, 16, 17 Jahre alt. Fast volljährig. Aber sie gehen noch in die 7. Klasse. Weiter sind sie nicht gekommen. Nach der Schule dealen sie mit Drogen, einige gehen auf den Strich. Das ist die Wirklichkeit an einer deutschen Hauptschule – aber nicht im Frühjahr 2006.

Es war die Wirklichkeit des Jahres 1978 an der Werner-Stephan-Schule im Bezirk Tempelhof. Damals galt sie als »Berlins schlimmste Schule«.

An sie kam Mitte der achtziger Jahre der junge Musik- und Geschichtslehrer Siegfried Arnz. Da hatte die Veränderung schon eingesetzt, langsam, aber doch spürbar. »Ich habe ja nur vorangetrieben, was andere angefangen hatten«, sagt er. Andere wie der Englischlehrer Reiner Haag, ein schwerer, bärtiger Mann, der irgendwann diesen Gedanken hatte: An jeder Schule gibt es Vertrauenslehrer – warum eigentlich nur Lehrer?

Heute ist es an der Werner-Stephan-Schule so, dass die 14-jährige Lisa über den Hof geht und ein paar Mitschüler sie anschreien: »Du Schlampe!« – »Du Hure!« Dieselben Zoten, wie sie täglich auf dem Rütli-Pausenhof gebrüllt werden, und sie haben auch dieselbe Ursache. Lisa hat »Scheiße erzählt«. Über andere. Hat keinen Respekt gezeigt. Also wird sie jetzt beschimpft. Und danach vielleicht getreten. Oder sie tritt selber zu.

Aber sie tut es nicht. Weil vorher die Vertrauensschüler einschreiten. Seda zum Beispiel. Sie ist 16 und geht in die zehnte Klasse. Ihr Vater ist Bauarbeiter, die Eltern stammen aus der Türkei. Sie ist klein und schlank und trägt blond gefärbtes Haar. Ihr offener Blick unter den getuschten Wimpern verrät Selbstbewusstsein. Sie sagt, sie habe keine Probleme, vor Gruppen zu reden. »Ich bin dann null nervös oder so.«

Ihr Klassenlehrer sagt, als Seda von der Grundschule zu ihnen gekommen sei, habe sie kaum einen geraden Satz sprechen können.

Diese Seda also hat mehrere Wochenendseminare absolviert, in denen Lehrer der Werner-Stephan-Schule ihre Schüler zu Streitschlichtern und Vertrauensschülern ausbilden. Sie hat gelernt, wie man zwei sich Prügelnde auseinander reißt, wie man sie erst anbrüllen muss: »Hör auf!« Weil man sonst gar nicht zu ihnen durchdringt. Wie es dann darum geht, sich mit den Zerstrittenen an einen Tisch zu setzen und nach den Gründen für den Streit zu suchen.

Auf die Werner-Stephan-Schule gehen 300 Schüler. Wer neu von der Grundschule kommt, kann sich unter den Vertrauensschülern einen aussuchen. Einen Paten. An den kann er sich wenden, wann immer er Probleme hat, mit Eltern, Mitschülern, Lehrern. Zu Beginn jedes Schuljahrs kommen die Klassensprecher zusammen und formulieren das Schulversprechen. Im vorigen August schrieben sie Sätze wie: »Ich respektiere meine Mitschüler/innen«. Oder: »Ich werde mein Handy vor Unterrichtsbeginn ausschalten.« Oder: »Ich bestehle meine Lehrer und Mitschüler/innen nicht.« Dieses Versprechen bekam jeder Schüler vorgelegt, wer wollte, konnte unterschreiben. Praktisch alle haben unterschrieben.

Vetrauensschüler. Patenschaften. Schulversprechen. Solche Dinge sind es, über die Siegfried Arnz redet, als er nach seinem stillen Besuch in der Rütli-Schule im Büro sitzt, an einem Tag, an dem halb Deutschland über die Brutalität an den Hauptschulen diskutiert. »Meistens«, sagt er, »sind es die Schüler selbst, die am stärksten unter der Gewalt leiden. Meistens wollen sie auf eine Schule gehen, auf der sie sich wohlfühlen, und dafür auch Mitverantwortung übernehmen – wenn die Lehrkräfte sie ihnen zugestehen.«

Mitte der neunziger Jahre wurde Siegfried Arnz zum Schulleiter der Werner-Stephan-Schule gewählt. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er dort weitere Veränderungen auf den Weg gebracht. Veränderungen, die dafür sorgten, dass sich auch die Lehrer wieder wohlfühlen.

Sie haben das Sitzenbleiben abgeschafft. »Weil es fatal ist für den Unterricht, wenn 14- und 17-Jährige in einer Klasse sitzen.«

Sie haben eingeführt, dass jeder Lehrer nur noch in Klassen Vertretungsstunden übernimmt, die er kennt. »Weil Lehrer meist mit Schülern Probleme haben, mit denen sie nicht vertraut sind.«

Sie haben die Unterrichtsstunde von 45 auf 40 Minuten verkürzt. »Weil dadurch jeder Lehrer pro Woche drei Stunden mehr Zeit hat – und auf diese Weise auch zusätzliche Nachmittagsangebote übernehmen kann.«

Gewalt gibt es an der Werner-Stephan-Schule heute praktisch nicht mehr. Und während in fast allen anderen Hauptschulen von Tempelhof die Schülerzahlen rasant sinken, ist die Werner-Stephan-Schule auch für das nächste Jahr fast ausgebucht. Manchmal kommen jede Woche Besucher, um sich diese Musterschule anzusehen.

Das Problem sei, sagt Arnz, dass die Hauptschule als eigenständige Schulform nicht sinnvoll sei. Aber auf absehbare Zeit müsse man mit ihr leben. Man müsse nun das Beste aus der Situation machen. Das sei an der Werner-Stephan-Schule gelungen.

Allerdings werde es auch dort immer schwerer, den Kindern eine Zukunft zu geben. Die entscheidende Frage sei heute: »Gibt es für die Schüler eine Chance nach der Schule?«

An einem dieser seltsamen Tage vor der Berliner »Terrorschule«, als es plötzlich ganz ruhig ist, weil das Schulhaus leer und die Presse abgezogen ist, tritt ein großer, kräftiger Mann aus dem Schultor, mit schwarzem Haar und Dreitagebart, an seinem dunklen Mantel hängt ein weißes Plastikschild, auf dem »Hr. Kara« steht. So heißt er: Murat Kara.

Er hat jetzt Feierabend. Er ist 32 und arbeitet als Aufpasser an der Heinrich-Heine-Realschule, die im selben Gebäude wie die Rütli-Schule untergebracht ist. Nur ein paar Meter Asphalt auf dem Hof, ein paar Glastüren in den Gängen trennen die beiden Schulen. Murat Kara soll einschreiten, wenn es zu Schlägereien kommt, wenn Schüler nach der Pause nicht in die Klasse zurück wollen, wenn sie unerlaubt rauchen. Er sagt, die Arbeit mit den Jugendlichen mache ihm Spaß.

Manchmal denkt er daran zurück, wie es war, als er selbst noch zur Schule ging. Dann vergleicht er sich mit den türkischen und arabischen Jungen von der Rütli-Schule, die jeden Morgen am Schultor an ihm vorbeigehen, und sagt sich:

»Die Kids tun mir leid. Viele von ihnen wissen nicht einmal, dass in Deutschland bald Fußballweltmeisterschaft ist.«

Murat Kara ist in Berlin geboren, so wie Joan, der ehemalige Schülersprecher der Rütli-Schule. Er ist in Neukölln aufgewachsen, wie Joan. Er ist sein ganzes Leben lang noch nie so richtig aus dieser Gegend weggekommen, wie Joan. Aber im Gegensatz zu Joan hat Murats Vater immer Arbeit gehabt. Er hat ihn in einen Kindergarten und in eine Schule geschickt, wo Deutsche in der Mehrzahl waren. Murat spielte im Fußballverein mit Deutschen und Türken in einer Mannschaft. »Der Trainer war meistens Deutscher.« Und Murat, der Türke, war Libero und Kapitän. Er ging auf die Realschule, legte die mittlere Reife ab. Danach machte er bei der Deutschen Telekom eine Ausbildung zum Kommunikationselektroniker.

Murat Karas Geschichte wäre also eine Geschichte über gelungene Integration. Wenn da nicht diese beiden störenden Details wären.

Da ist die Sache mit dem Pass. Kara sagt, Berlin sei seine Stadt, Deutschland sein Land, seine Heimat, immer gewesen. Darum hat er vor sechs Jahren die türkische Staatsbürgerschaft abgelegt und die deutsche beantragt. Aber man wollte sie ihm nicht geben. Zweieinhalb Jahre lang haben ihn Sachbearbeiter hingehalten wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Erst als er mit Klage drohte, ging alles ganz schnell. »Schreiben Sie das«, sagt er, »ich habe extra einen Anwalt gebraucht, damit die Deutschen mich anerkannt haben.«

Und dann ist da noch diese zweite Sache, die wahrscheinlich noch schwerwiegender ist. Kara arbeitet nicht aus Zufall an der Schule. Die Arbeitsagentur hat ihn geschickt. Er ist Ein-Euro-Jobber. Das heißt, er ist eigentlich arbeitslos.

Sie waren 160 Lehrlinge damals bei der Telekom. Keiner wurde übernommen, der Stellenabbau hatte begonnen. Kara kam bei einer kleineren Firma unter, bis die Pleite ging. Danach hat er als Kellner gearbeitet, als Küchenhilfe, hat sich mit diversen Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, bis auch keine Gelegenheitsjobs mehr zu kriegen waren. Jetzt lebt er von Hartz IV. Aber das Herumsitzen ist seine Sache nicht. Er war froh, als sie ihm diesen Ein-Euro-Job anboten.

»Die meisten anderen wollten nicht an der Schule arbeiten, wegen der vielen Ausländer«, sagt Murat Kara und lacht. »Aber ich habe mit Ausländern kein Problem.«

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